Danke, liebe Medien.

Woher kommen die “Besorgten Bürger” und “Asylkritiker” eigentlich? Gedankengut muss erst entstehen, Emotionen müssen erst hochkochen. Ein Erklärungsversuch — und eine Meinung.

Hier gilt: Meinungscontent. Ich bin kein Journalist und will zum differenzierten Nachdenken anregen.

Bisher habe ich mich nicht sehr ausführlich zum Thema Asyl, Zuwanderung, zu den “Besorgten Bürgern” oder Protesten geäußert. Ich möchte dieses Thema differenziert betrachten und nicht sofort mit der “Nazikeule” ankommen. Genauso wenig will ich aber auch tolerieren, was in diesem Land passiert. Langsam sehe ich es doch als Notwendig an, auf ein paar Dinge hinzuweisen.

Es gibt einen Grund, warum man nicht sofort jede Mücke zu einem Elefanten machen sollte: Aufmerksamkeit. Ja, da passieren schreckliche Dinge in Heidenau. Und nicht nur in Heidenau, auch wenn das gerade zu einem Brennpunkt stilisiert wird.

Dieses Jahr gab es kein Sommerloch

Vielleicht sollten wir alle erst einmal innehalten und uns überlegen, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Wie ein Thema wie dieses unsere Medien derartig dominieren kann. OH, HOPPLA! Da bin ich doch schon am Knackpunkt. Den Medien. Und mit Medien meine ich nicht die sozialen Medien. Ich meine die Presse. Die Printmedien und die Onlinemedien, alle Texter und Redakteure. Das, was die “Patriotischen Europäer” so gern als #Lügenpresse postulieren. Denn als Medienschaffender weiß ich, was in einer Redaktion vor allem zählt: Inhalte um jeden Preis — und Aufmerksamkeit bzw. messbarer Erfolg. Man möchte als Magazin immer die besten Stories zuerst haben.

Aber was, wenn es gerade keine brisanten Storys, keinen neuen Snowden, keine großen Staatsaffären gibt? Das Blatt muss ja trotz allem bis zum Redaktionsschluss mit der vorgegebenen Zeichen- und Themenmenge gefüllt sein. Vielleicht kann sich jetzt schon der eine oder andere denken, worauf ich hinaus will. Ich möchte das näher erläutern.

 (EDIT: Im Original stand hier einmal ein Tweet mit zwei Spiegel-Covern, dieser wurde inzwischen leider gelöscht.)

Der Spiegel hat im Laufe der Jahre bereits viele Titelseiten darauf verwendet, das zu erzählen, was die Leser hören wollen. Natürlich immer unter dem Deckmantel der Pressefreiheit. Man muss ja auch beide Seiten eines Problems beleuchten. Ich stimme dem zu. Beide Seiten müssen immer betrachtet werden, um Falschaussagen — oder sogar Fanatismus in die eine oder andere Richtung zu vermeiden.

Medien, eure Verantwortungslosigkeit nervt!

Doch das, was die Medien — und zwar nicht nur der Spiegel (auf die BILD möchte ich jetzt nicht näher eingehen, dafür ist mir meine Zeit zu schade) — In den letzten Jahren zum besten gegeben haben, war ihrer Verantwortung dem unter Umständen leicht zu beeinflussenden Leser gegenüber betrachtet Fahrlässig und definitiv Verantwortungslos.

Inzwischen wird überwiegend über Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte berichtet. Vor einigen Monaten gehörte es allerdings noch zum guten Ton es besonders zu betonen, wenn ein Flüchtling, Asylbewerber oder Immigrant eine Gewalttat oder einen Übergriff auf einen Deutschen begangen hat. Oder wenn er auch nur ausfällig wurde. Dann wurde das doch direkt zum Leitartikel des Regionalteils. Toll eine Story, die Polarisiert für wenig Aufwand!

Wenn ein Deutscher einen Übergriff auf einen anderen Deutschen — oder auf einen Flüchtling verübt hat, war das i.d.R. im Blaulichtteil zu finden, als Randnotiz. Prädestiniert dafür, überlesen zu werden. Ein “besorgter Bürger” oder ein Zweifler liest diese Artikel natürlich alle. Und langsam, ganz langsam, kombiniert mit Schreckensberichten aus dem nahen Osten, Syrien, dem Iran oder Irak oder den Emiraten, vielleicht auch mit berichten über Korruption und Seuchen in Afrika oder Gewalttaten auf dem Balkan, entwickelt er eine Meinung. In den meisten Artikeln wird natürlich noch betont, wie Islamisch “das alles” ist.

Ich bin kein großer Freund von Religion, und schon gar keiner von Religiösem Fanatismus. Doch die Werte, die jede Weltreligion vermittelt und vermitteln sollte sind zunächst einmal gut. Die Auslegung dieser ist dann bereits als Instrumentalisierung zu betrachten. Und eben einer dieser leicht zu beeinflussenden Geister — und von äußeren Einflüssen sind wir alle nicht gefeit — einer dieser Geister wird sich dann mit der Zeit seine Meinung bilden. Über den Islam, über die Einwanderer, die aus diesen Regionen kommen. Und im Laufe der Zeit werden alle Informationen und Einflüsse untereinander vermischt. Dann ist Ebola auf einmal gleich Selbstmordattentäter im Irak gleich Steinigung in Iran. Die Angst vor allem Fremden ist geschürt.

Diese Unsicherheit wird weiter gestärkt

Dass der Mensch Angst vor Veränderung hat ist doch ohnehin bekannt. Wenn man dann vielleicht noch zu den Sozial schwachen Teilen der Bevölkerung gehört, über einen eher mäßigen Bildungsstand verfügt und dann in einem derartigen Artikel liest, dass die auch noch GELD von uns bekommen, um ÜBERLEBEN zu können, hier, auf unsere Kosten(!). Was für eine Meinung bildet man sich dann wohl? Bestimmt keine gute.

Und dass Menschen mit einem eher mäßigen Bildungsstand (Gott sei Dank natürlich bei weitem nicht alle) als direktes Mittel des Protests und des sich zur Wehr setzens zu Gewalt tendieren, das ist auch kein Geheimnis.

Und dann gibt es da noch Saftsäcke. Oder wie in Star Trek so schön gesagt: “Hässliche, hässliche Beutel, mit Wasser gefüllt”. Und leider mit nichts anderem, schon gar nicht mit Grips, eher mit Bier. Oder mit zu viel Grips und einer vermurksten Kindheit.

Genau diese Saftsäcke spielen Moralaposteln in Spaßvereinen wie der NPD, AfD, PEGIDA. Sie nutzen die von den Medien zumindest teilweise geschürte Unsicherheit bei so einem Menschen — und verwandeln sie in Hass. Meist mit fadenscheinigen Argumenten und leicht eingängigen Sprüchen. Und wenn das geschafft ist, dann muss er nur noch gelenkt und organisiert werden. Am besten mit Leitmotto. Und weil man ja Zielgruppenorientiert arbeiten will und möglichst viele Erreichen will dann über die Sozialen Medien. Man hat ja aus dem Arabischen Frühling gelernt (Paradox, nicht wahr?).

Überraschung! Es geht immer um Geld!

Nur geht es den Medien und auch den gerade genannten Spaßvereinen nicht wirklich um das Wohl des Einzelnen, auch wenn sie das alle gerne sagen. Es geht ihnen immer um Einfluss. Um Macht. Und vor allem um eins: Um Geld. Ja, Überraschung! Die Verlage sind auch nur Unternehmen, die an Profit interessiert sind! Und um Gewinne zu erwirtschaften, müssen Leser gewonnen werden — nicht vergrault!

Die wenigsten handeln aus tiefer Überzeugung und Verantwortungsbewusstsein. Schon gar nicht ein Schmierblatt wie die BILD. Und was macht man als Unternehmen, wenn man ein Sommerloch auf sich zukommen sieht? Genau, man tut alles, um das zu verhindern — denn ohne Schlagzeile keine hohe Auflage. Wer will schon lesen, was irgendein CSU-Hinterbänkler im Sommerurlaub macht?

Inzwischen ist das Ziel von damals erreicht: Flüchtlingsheime brennen, die Ordnungshüter sind überfordert. Und die Schlagzeilen sind für die nächsten Wochen und mit Glück sogar für Monate definitiv gesichert!

Die Entwicklung stoppen

Ich schreibe das hier, weil ich genau diese Entwicklung in den letzten Monaten und dem letzten Jahr beobachtet und bemerkt habe. Und es mich stört, dass um ein vielfaches mehr Menschen darauf hereinfallen, als die Rentenlotterie sich auch nur erträumen könnte.

Um etwas zu ändern hilft nur eines: Aufmerksamkeit umlenken. In der Ukraine tobt immer noch ein Krieg. Haben wir da in der letzten Zeit eine Schlagzeile gelesen? Ich für meinen Teil nur Randnotizen. In Afrika ist die Ebola-Epidemie zwar im Rückgehen, es sterben allerdings noch immer unzählige Menschen. Flüchtlingsboote kentern auf offener See, tausende Sterben. Interessiert das eigentlich noch irgendwen? (Na gut, die Betroffenen wird das sicher mehr interessieren, als ein paar jämmerliche Spinner, die gegen Flüchtlinge hetzen)

Ich für meinen Teil sehe mich gezwungen, dieser Thematik, die an jedem Stammtisch hitzig diskutiert wird, mehr Aufmerksamkeit zu schenken als den vielen anderen Problemen, denen sich die Welt und unsere Bundesrepublik stellen muss. Das ist schade, aber dem Thema aus dem Weg zu gehen wäre grundlegend falsch. Das Braune Süppchen köchelt schon lange, nur bekommt es leider in letzter Zeit zu viel Aufmerksamkeit — und Zuwachs. Diese ganzen Facebook-’Überzeugungstäter’ lieben es doch, wenn sie Aufmerksamkeit bekommen!

Es ist definitiv etwas schief gelaufen, wenn Medien und Politik das erst jetzt bemerken. Und es macht mich Traurig, wenn viel politische Energie und Ressourcen auf die Bekämpfung von Hass und Gewalt gegen Flüchtlinge gerichtet werden müssen — und nicht in die Bekämpfung der Fluchtursachen gesteckt werden können. Und man das auch vielleicht gar nicht will.

Ich freue mich über Initiativen, die das Gegenteil beweisen. Doch über Fanatik gegenüber Fanatikern kann ich nur den Kopf schütteln, denn das Führt zu nichts außer mehr Hass und Gewalt.

#Refugeeswelcome.

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wortkrieg, 2017.