Einfachheit

 Unser aller Streben nach Einfachheit — und warum Faulheit dabei das beste Mittel ist.

“Es könnte alles so einfach sein.

Isses aber nicht.”

— Die Fantastischen 4

Was ist eigentlich “einfach”? Der Duden meint: “leicht verständlich, ohne Mühe lösbar, durchführbar”. Aha, ein Hinweis! Doch ist das schon alles, was der Duden zu bieten hat? “Nicht doppelt oder Mehrfach, Haploid nicht Diploid” — Okay, jetzt versucht der Duden also, sich mit Gegenteilen zu nähern. Na gut, eine Paraphrasierung mittels Chromosomen scheint mir doch relativ weit hergeholt, denn Haploide Chromosomen kommen nur in Keimzellen vor.

Ziele eines Faulen

Dass etwas einfach ist, das ist wohl das höchste Ziel eines jeden faulen Menschen. Und es ist ein gutes Ziel. Irgend welche Forscher haben einmal in einer Studie das herausgefunden, was eigentlich schon längst ein Fakt ist: Faule Mitarbeiter sind die besten Mitarbeiter — wenn man sie richtig einsetzt. Dann sind sie die größte Geheimwaffe, das beste Ass im Ärmel. Ein Fauler wird immer einen Weg finden, seine Aufgaben so effizient und leistungsfähig zu erledigen, wie nur irgendwie mit angemessenem Aufwand möglich. Er macht es sich halt alles einfach, wenn er kann.

“Weil einfach einfach einfach ist” — Mobilfunkwerbung

Auch eine Mobilfunkwerbung suggeriert den Kunden durch die dreifache Verwendung dieses Adjektivs das einfachste vom einfach einfachen. Einfacher geht es wohl nicht. Einfach als Subjekt, Prädikat, Objekt. Einfach ist einfach alles. Zumindest bis zu dem Moment, an dem man dem Mobilfunkanbieter seine Kontodaten gegeben und die Einzugsermächtigung unterschrieben hat.

Aber diese Werbung appelliert doch an unseren inneren Wunsch nach Einfachheit: sie trifft den Nagel auf den Kopf. Bestimmt macht es manchen Leuten Spaß, sich wochenlang mit Mobilfunktarifen auseinander zu setzen. Mir persönlich ist das aber einfach nur lästig, genau so wie es den Meisten potentiellen Kunden geht. Und wenn die in der Werbung sagen, dass das doch alles total easy peasy ist, dann muss es einfach so sein.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Klar, man könnte sich jetzt auf die Aussage verlassen und blindlings einen Vertrag abschließen, denn immerhin sagt ja ein bekannter Promi, dass “einfach einfach einfach ist”. Aber es ist bekanntlich nicht alles Gold was glänzt.

Und mal im Ernst: Wann ist denn einfach im Leben? Will man einen neuen Ausweis beantragen, muss man mindestens 3x Unterschreiben, unter Umständen eine Geburtsurkunde vorlegen, man braucht ein biometrisches Passbild und muss sich entscheiden, ob man digitale Features will oder ob man digitale Features will — und zu guter Letzt gleich auf zwei Briefe warten. Gerade bei Behörden muss alles kompliziert sein.

Der Weg ist das Ziel

Aber mal abgesehen von Behörden: Warum muss auch immer alles einfach sein. Natürlich würde uns das in vielen Lebenslagen eine menge Arbeit ersparen. Und eine menge Kopfschmerzen. Aber wäre alles einfach, wäre uns dann nicht furchtbar langweilig? Und gerade im Bezug auf Hobbys und Dinge, die uns Freude bereiten — seien es Basteleien oder Sachlagen: Würde das dann noch das selbe Maß an Freude mit sich bringen, wenn man nicht 100% in seinem Projekt aufgehen kann?

Früher hatte man Lego. Nicht, um die Fertigen Modelle auszustellen. Viel mehr um ein Neues Modell zu bauen. Oder ein Droidenkontrollschiff nachzubauen. Etwas neues zu erschaffen. War man fertig, egal wie beeindruckend es war, wurde einem langweilig. Man riss alles auseinander und fing von vorn an. Mit etwas vollständig neuem und anderen. Einfach nur weil man kann. Der Weg is das Ziel.

Es gibt Menschen, die kaufen sich einen komplett heruntergewirtschafteten Oldtimer. Sie restaurieren ihn in jahrelanger Kleinarbeit, stecken jede freie Minute und eine beachtliche Menge Schweiß in das Projekt. Wenn sie kurz vor der Vollendung stehen, wird ein Käufer gesucht. Das Auto ist langweilig. Man hat ja nichts mehr daran zu basteln. Ein neues Projekt muss her.

Eine Schönheit, die nicht schön sein will — aber nicht anders kann

Warum haben die Produkte eines Großen Smartphone- und MP3-Player-Herstellers aus Cupertino einen solchen Erfolg? Sie werden oft als letzte Bastion und Vollendung des großartigen Bauhaus-Stils gesehen, jener Schule, die versucht, Kunst in Einklang mit Handwerk und Architektur zu bringen. Produkte zu entwerfen, die ebenso innovativ wie funktional und ästhetisch sind.

Diese spezielle Form der Schönheit, diese Grundsätze in Kombination mit Konsequenz bis ins letzte Detail bilden eine Schönheit, die eigentlich nicht schön sein will. Und genau das ist der Reiz. Das einfache wird durch die Berücksichtigung der zehn Thesen für gutes Design von Dieter Rams erreicht. Und das, obwohl es genauso wenig einfach wie schön sein will. Diese Merkmale werden nur in der Folgerung erreicht. Beeindruckend.

Vielleicht sollte es also das Ziel sein, nicht immer nur die einfachste Lösung zu erreichen. Viel mehr ist doch der Idealzustand erreicht, wenn Einfachheit als Nebenprodukt von Effizienz, Eleganz oder was auch immer einen an sein Ziel bringt erreicht wird.

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wortkrieg, 2017.