Unterhaltungskultur

 Über den Wandel der Unterhaltungskultur im Alltag.

Das Fernsehen hat keine Zukunft. Es ist nur ein Strohfeuer.

— Mary Somerville, Radiopionierin, 1948

Das war neben Bill Gates’ legendärer Aussage “Der Spam wird in zwei Jahren verschwunden sein” (2004) wohl einer der größten Irrtümer der Neuzeit. Logisch, das Internet klaut dem konventionellen Fernsehen mächtig Marktanteile — aber auch dem Internet hat man noch vor einigen Jahren nicht zugetraut, dass es jemals so umfassend wird. Vor allem auch nicht, dass es einen derart hohen Stellenwert in der Unterhaltungsindustrie einnehmen wird.

Vermittelte Unterhaltung, egal welcher Natur, dient doch im Grunde nur dazu, sich nicht anderweitig beschäftigen zu müssen. Sich berieseln zu lassen. Zunächst waren es Zeitungen und Bücher. Zeitungen und Magazine — immer neu, immer aktuell. Perfekt für den Menschenmuffel oder den gestressten Mann. Dann kam das Radio. Amplitudenmodulation Galore! Ganze Generationen saßen nach Feierabend vor einem Holzkasten und hörten gespannt in die Welt hinein. Mit Fernsehen und Internet keine groß anderen Sachverhalte.

Kaum einer liest diese Kolumne

Es sollte allerdings zu denken geben, dass die Qualität der Unterhaltung stetig fällt. Flachere Witze und plattere Serien oder Telenovelas halten Einzug in den Alltag. Kaum einer setzt sich noch hin und liest beispielsweise diese Kolumne. Oder ein Populäres Medium wie die Tageszeitung. Die Informationen zum Weltgeschehen erhält man dann bereits von Meinungsmachern fertig vorgekaut und somit völlig subjektiv und schon wieder desinformativ aus dem Internet, aus den Sozialen Medien oder total verzerrt über den Flurfunk oder am Stammtisch. Es gab wohl auch Zeiten, in denen man sich auf den Stammtisch vorbereitet hat, um nicht unbewaffnet in den Schlagabtausch zu ziehen.

Leider durfte ich diese auch nicht mehr erleben. Ich gehöre zur von Bill Gates mit viel Tamtam angekündigten “Generation I”, der ersten Generation in der sich das Leben signifikant auf das Internet verlagern wird. Nun, das hat er wirklich richtig vorausgesehen (der Spam ist aber leider immer noch nicht verschwunden). Und es ist ein Vorteil, auch wenn das oft anders scheint. Mein erster eigener Computer hatte Windows 98. Ich nutzte zuvor denWindows 95-Rechner meines Vaters, und musste mit 2 Telefonen und einem FAX die Leitungen teilen. Ich hatte keine Ahnung, warum. Ich hatte keine Ahnung, was für eine Technologie im Computer steckte. Das kam alles erst mit der Zeit.

Der Knackpunkt ist aber auch genau selbiges: Man wuchs da hinein. In eine Welt aus Einsen und Nullen. Man musste sich nicht erst mühsam hineindenken oder noch einmal komplett umdenken. Es lag einfach vor einem. Und dann war da auf einmal Youtube. Eine Welt in 240p. Man schaute sich lustige Videos von Hunden an, die von Katzen gelackmeiert werden. Es war unterhaltsam.

Bei Senioren liegt auf dem Küchentisch noch die Tageszeitung

Gibt man heute einem Senioren ein iPad schaut er es sich an, tippt etwas darauf herum und fragt sich im nächsten Schritt “Was kann ich damit denn machen?” — Ein Stück Toastbrot kann das Ding nicht knusprig braun toasten. Und für viel mehr fehlt auch einfach der Bezug. Im Fernsehen läuft da meist noch pünktlich die Tagesschau. Auf dem Küchentisch liegt noch die Tageszeitung. Natürlich die Regionale, denn man will ja wissen, was man beim Kaffee heute Mittag mit den Freunden aus der Nebenstraße diskutieren kann — und welchen Bürgermeister man schon pauschal nicht mögen darf.

Da lassen sich doch ein paar Parallelen erkennen. Für die meisten Senioren wird sich das mit dem Internet wirklich nicht mehr durchsetzen, denn die Unterhaltung ist zwar in ihrer Art flacher und einfacher gestrickt geworden. Gleichzeitig ist sie aber auch in ihrer Vielfalt und Verbreitung um ein Vielfaches komplexer geworden. Wo man vor einer Weile nur den Kanal vor und zurück geschalten hat, wenn einen das aktuelle Programm genervt hat, muss man heute Quellen kennen. Man muss Contentproduzenten kennen und auch mögen, um ihren Content zu konsumieren. Und es gibt immer mehr als einen weg, diesen Content zu erreichen. Eine neue Unterhaltungskultur hat sich langsam in unser Leben geschlichen. Aber noch lange nicht in jedes.

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wortkrieg, 2017.