Blausinn

Blau wird generell oftmals als alt und überholt wahrgenommen. Aber kann ein Umdenken stattfinden? Und ist “alt” wirklich immer etwas schlechtes?

“Die Diskriminierung des ‘Blaumanns’ und die arrogante Platzanweisermentalität der weißen Kittel und Kragen hat bis heute alle Entwicklungen und Krisen überdauert.”

— Norbert Blüm, Bundesminister a.D.

Blau ist eine Allerweltsfarbe. Man ist ständig mit ihr konfrontiert. Blaues Logo hier, blaues Emblem da. Blauer Himmel überall, außer vielleicht in Hamburg.

Gerade die Nutzung dieser Farbe im Marketingbereich steigt noch immer stetig. Blau strahlt etwas ruhiges aus. Blau ist konservativ.

Blau ist royal

Ein Beispiel: Ich suche ein Logo für meine Firma, inklusive Firmenfarben. Wähle ich als Grundfarbe etwas rotes aus, so kann das gleich als reißerisch oder aggressiv abgetan werden. Oder auch als aufmüpfig. Wähle ich gelb, so habe ich eine der Farben mit der schwächsten Aussagen erwischt, Gold wirkt meist zu arrogant. Grün wäre entweder kränklich oder direkt medizinisch. Auch oft nicht wünschenswert.

Nein, die Farbe Blau soll es sein. Blau ist royal, wie blaues Blut — und gleichzeitig ist Blau auch eine volksnahe Farbe, wie die von Norbert Blüm erwähnten “Blaumänner”, die Latzhosenträger, die Arbeiterklasse. Blau ist ruhig und besonnen, Blau ist konservativ und zugleich innovativ. So findet sich blau als “da kann man nichts falsch machen”- Lösung quasi überall. Lediglich orange kann dem noch einigermaßen die Stirn bieten.

Ein schnelles Umdenken ist unmöglich

Man könnte jetzt natürlich oberlehrerhaft sagen, dass langsam ein Umdenken statt finden sollte. Dass man stärker differenzieren sollte. Und tatsächlich sind Blaumänner heute auch schon mal in Grau gekleidet. Oder Rot. Aber ein schnelles Umdenken ist genauso unmöglich. Natürlich, heute kennen wesentlich weniger der Jugendlichen den Begriff eines “Blaumanns” — und auch das blaue Blut nähert sich etwas dem Volk an.

Genau da fängt unser Umdenken doch bereits an. Wie sollte Blau, die Farbe, die hier als Exempel ausgewählt wurde, quasi über Nacht aus den Köpfen und Vorbehalten der Menschen -gerade im Westen- verschwinden? Bei diesem in den Medien oft beschrienen “Umdenken” handelt es sich um einen Prozess. Einen langsamen, kriechenden oder schleppenden, aktiv nur selten merklichen Prozess. Genau diese Prozesse sind teil unseres Alltags. Nur bemerken wir diese eher selten. Sieht man sich einmal die steigende Zahl der Vegetarier oder Veganer in unserem Umfeld an, so lässt sich auch zweifellos feststellen, das die Zahl in einen Bereich gestiegen ist, der vor vielleicht 20 Jahren noch als unmöglich gegolten hätte.

Werte ändern sich

Genau diese 20 Jahre sind aber der springende Punkt. Wer außer Statistikern und Forschern betrachtet einen derartigen Prozess über einen so langen Zeitraum? In der Renaissance und im Barock galt ein wohlgenährter Körper als absolutes Schönheitsideal. Rundungen und ein leichtes Doppelkinn waren gern gesehen. Ein wohlgenährter Körper strahlte Wohlstand aus. Im Spätbarock und seinem Übergang zum Rokoko veränderte sich langsam das Ideal. Frauen zwängten sich wieder in enge Korsetts.

Es halt also quasi zwei Epochen gedauert, bis das “Umdenken” vollzogen war. Natürlich stellt sich hier die Frage nach der Verhältnismäßigkeit zum eingangs dargestellten Sachverhalt. Ein Freund sagte vor einer ganzen Weile zu mir (und er verteidigt diesen Standpunkt bis heute):

“Was interessiert mich Geschichte? Was mich interessiert ist das, was heute ist — und die Zukunft.”

Man runzelt die Stirn über diese Aussage, doch tatsächlich denken in unserer heutigen Gesellschaft immer mehr Menschen so. Das ist einerseits schade, denn so geht vieles, was einmal war, verloren. Andererseits ist dieses Denken besorgniserregend und beunruhigend. Die Geschichte lehrt uns vieles, sie kann -richtig eingesetzt- unserer heutigen Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Und ein Blick zurück verhindert auch, dass die schrecklichen Seiten einer Gesellschaft, dass vergessen und längst überwunden geglaubtes Gedankengut zurückkehrt. Und das ist gut so. Man sollte sich nicht vor der Geschichte verschließen.

Nicht übertreiben

Auch viele große Erfindungen und Einfälle entstanden durch historische Betrachtungen, gerade im Ingenieurswesen. Aber man muss hier auch ein Zugeständnis machen: Man sollte es nicht übertreiben. Man sollte genauso wenig nur in der Vergangenheit leben, wie man nur in der Gegenwart oder der Zukunft leben darf. Und wenn man hin und wieder einmal den Funken der Historie streut — oder den Funken der Gegenwart etwas auffängt, so kann man viel mehr in Richtung Umdenken bewirken, als wenn man mit einer Seite der Betrachtung die Überdosis liefert.

Es ist also doch ein bisschen wie mit dem Kaffee oder der Cola: Prinzipiell kein Problem, aber alles in Maßen. Nicht in Massen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

wortkrieg, 2017.