Männer, die die Zeit in Händen halten 

Die Zeit ist ein komplexes Konstrukt, das man nicht einfach abstellen oder umgehen kann. Die Zeit ist beständig, soweit wir wissen. Aber wer wacht eigentlich über die Zeit und ist sie wirklich so beständig?

Zeit. Das ist ein alltäglicher Begriff. Wir verwenden ihn so häufig, dass uns die Bedeutung dahinter schon beinahe beiläufig erscheint. Zeit ist für mich gedanklich unglaublich schwer zu fassen. Ein Toaster besteht aus Metall oder Kunststoff, Plastiktüten sind aus Plastik, Bäume aus Holz. Aber woraus besteht die Zeit? Man kann sie nicht greifen und mit sich rum tragen, und man kann sie auch nicht atmen, wie z.B. Luft. Und trotzdem ist sie immer bei und mit einem.

Okay, das ist vielleicht der falsche Ansatz, um an die Thematik zu gehen.

Ich habe gelesen, dass es ab und an Schaltsekunden in unserer Zeit gibt. Nicht nur Schaltjahre, nein Sekunden. So haben wir in den letzten 40 Jahren laut Wikipedia schon 26 Sekunden hinzu gewonnen! Schaltsekunden sind immer Positiv (sie werden nur hinzugefügt, nie abgezogen) und nicht so wie Schaltjahre nur alle 4 Jahre. Sie sind immer anders und können auch pro Land verschieden sein. Aber was wird dann getan, damit die Zeit nicht letztendlich auseinander läuft? Bei 26 Sekunden Unterschied von Land zu Land, wird das nicht zum Problem bei Banküberfällen, Raketenstarts und Flugzeugverspätungen und den damit verbundenen Schadensersatzforderungen?

“Mein Flieger war zwei Stunden und 25 Sekunden zu spät!” — “Naja, hier in Südafrika haben wir keine Schaltsekunden, es ist 26 Sekunden zu früh. Pech gehabt!” — “…”

Schaltjahre gibt es, um unseren Kalender im Gleichgewicht zu halten. Denn gerundet hat ein Jahr im Schnitt 365,25 Tage. Also fällt alle vier Jahre ein Tag mehr für uns ab. Juhu, wir leben länger! Das habe ich verstanden. Aber bei Schaltjahren geht es um den Kalender, nicht um die Zeit. Die Zeit lässt sich ja auf unseren Kalender hochrechnen. Ein Tag hat 24 Stunden, eine Stunde 60 Minuten und so weiter. Aber da ist ein Tag plus minus doch etwas unpräzise. Wer definiert das eigentlich? Und was für ein Unglücksrabe hat eigentlich an einem 29. Februar Geburtstag?

Wir folgen heutzutage dem gregorianischen Kalender. Die Zeitrechnung eines Landes oder eines Kontinents, die wird doch bestimmt von Irgendwem irgendwo administriert. Früher, da war das der Papst. Der Papst ließ auf den 4. Oktober den 15. Oktober folgen, denn Astronomen hatten ihm dazu geraten. Er betete zu Gott und verfügte zehn Schalttage, um den Frühlingsanfang wieder an den Richtigen Platz zu rücken, aber auf einen Donnerstag folgte trotzdem einfach ein Freitag. Alles war gut, denn damals musste auch kein Valentinstag und auch nicht der Tag der Jogginghose im Kalender geändert werden, es mussten keine abertausend Kalender neu gedruckt werden.

Heutzutage ist das etwas schwieriger. Nicht mehr der Papst wacht über unsere Zeit, sondern der ‘Internationale Dienst für Erdrotation und Referenzsysteme’ (Kurz: IERS). Auch wenn sich das mit dem Papst einfacher merken lässt. Der internationale Dienst für Erdrotation und Referenzsysteme besteht vermutlich aus vielen Wissenschaftlern, die wichtige weiße Kittel tragen, denn das tun Wissenschaftler meistens. Gegründet wurde der Dienst 1899, also werden die Wissenschaftler in den weißen Kitteln vermutlich sehr alt sein. Die Wissenschaftler sorgen mit ihren Referenzsystemen dafür, dass sich die Erde weiter dreht, so wie das früher der Papst in seiner weißen Robe getan hat.

Tatsächlich führt der IERS Messungen durch, vollautomatisiert. Einmal mehr wachen Maschinen über unsere Zeit, und mit ‘unsere Zeit’, da meine ich die Zeit der Ganzen Welt. Die UTC, die koordinierte Weltzeit. Und das IERS sitzt seit einiger Zeit in Frankfurt am Main. Also wachen wir deutschen über die Zeit der Welt. Typisch, dass eine Schaltsekunde von deutschen empfohlen wird! Umgesetzt wird diese Empfehlung dann allerdings in Paris, im ‘Bureau International des Poids et Mesures’, im internationalen Büro für Maß und Gewicht.

In diesen beiden Instituten sitzen sozusagen die Wächter über die Zeit. Vermutlich sitzen da im Schichtbetrieb hoch bezahlte Ingenieure, die auf eine Uhr starren. Und ab und an, da drücken sie einen großen roten Knopf und aus der 59 wird eine 60, bevor dann wieder eine Null folgt.

Ja, das mit dieser Zeit ist kompliziert. Schon die Höhlenmenschen wussten: Die Zeit ist unumkehrbar, immer gleich schnell und steht wohl nur in Relation zu sich selbst. Dann opferten sie auf blutigste Art und Weise ihren Ältesten, schlachteten eine Kuh, denn es war an der Zeit dafür, und aßen nach getaner Arbeit einen rohen Ziegenkopf für das Immunsystem.

Dann kam irgendwann (also ‘irgendwann’ in einer zeitlichen Relation betrachtet: später) Isaac Newton und sagte, dass die Zeit so ist, wie die Höhlenmenschen es annahmen. Noch später kam darauf Werner Heisenberg und scheiterte daran, einen Operator t in seine Unschärferelationen einzubauen und beließ es beim gleichnamigen Faktor. Und schließlich kam dann Albert Einstein und befand das doch alles für irgendwie relativ zu äußeren Einflüssen (vermutlich hat er das schon im Matheunterricht so empfunden, wie jeder von uns). Und genau bei dieser Relativitätstheorie streiten sich heute unsere Wissenschaftler, denn sie lässt sich aktuell nicht vollständig beweisen oder widerlegen. Eine Sackgasse, in der die Wissenschaft da steckt.

Na gut, ein bisschen geschludert habe ich wohl in meiner sehr präzisen Darstellung, aber wer sich für die genauen Zusammenhänge interessiert, der wird sich das später ohnehin selbst anlesen oder weiß es eh schon besser.

Interessant ist aber, dass die Zeit in einem Verhältnis zu Kausalität steht. Ich habe vorhin einmal mehr meine Tasse Cappuccino umgeschmissen, mein Schreibtisch ist eingesaut. Das kann ich nicht mehr rückgängig machen. Die Ursache hat ihre Wirkung. Was uns ganz natürlich erscheint, das ist mit der Relativitätstheorie und der theoretischen Möglichkeit von Überlichtgeschwindigkeit auf einmal gar mehr so logisch: Wenn ich die Tasse mit Überlichtgeschwindigkeit umstoße, so wird der Zeitpunkt des Umstoßens in die Zukunft verschoben und die Tasse rutscht in die Vergangenheit solange sie so schnell ist. Die Tasse wäre umgefallen, bevor ich sie umstoßen konnte. Der Grundsatz in Sachen Kausalität (Ursache & Wirkung) ist verletzt. Ob das wirklich so wäre und wie man das nachweisen könnte, eben darüber scheiden sich die Geister.

In Star Trek ist in diesem Zusammenhang ein umgekehrter Tachyon-Impuls eine Lösung für nahezu jedes Problem. Tachyonen sind im Star Trek-Universum ein unumgänglicher Bestandteil des Universums und des Reisens mit Überlichtgeschwindigkeit. Tachyonen sind für uns derzeit nicht nachweisbar. Tachyonen — das ist übrigens nur ein von Gerald Feinberg geschaffener Überbegriff für alles, was schneller ist als Licht. Die derzeit so gesuchten Neutrinos können somit auch Tachyonen sein.

Ich bin auf meiner Suche inzwischen von der Zeit über Sekunden und den Papst bis hin zu Tachyonen gekommen. Trotzdem habe ich sie noch nicht gefunden. Was für ein “Wibbly Wobbly Timey Wimey Stuff”, um Doctor Who zu zitieren.

Vielleicht könnte ich auch, wie schon Erwin Schrödinger, eine Katze zusammen mit einem radioaktiven Präparat, einem Geiger-Müller Zählrohr und einem Gift in eine Kiste sperren. Wenn das Präparat genügend Radioaktivität abgestrahlt hat, wird das Gift durch den mit dem Zählrohr gekoppelten Auslöser freigesetzt. Bei diesem Experiment ging es Schrödinger aber weniger darum, eine arme Katze zu vergiften. Vielmehr ging es darum, sich gedanklich den Zustand eines instabilen Atoms zu Versinnbildlichen. Das Atom könnte sofort zerfallen oder irgendwann später, nach einer Zeit t. Eine Dimension, die sich ein Mensch nur schwer vorstellen kann.

In eben einer solchen nur schwer vorstellbaren Dimension bewegt sich auch die Planck-Zeit. Damit ist ein so kleines Zeitintervall gemeint, dass für dieses die Regeln von Zeit als Kontinuum nicht mehr gelten würden. Wenn ich versuchte, die Katze in eine Kiste zu sperren würde sie mir vermutlich schneller eine verpassen, als ich schauen kann. Würde sie mir innerhalb von ca. 5,391*(10^-44) Sekunden eine watschen, wären die Regeln von Raum und Zeit verletzt. Die Katze würde zu einem schwarzen Loch. Mist! Dann war die Vorbereitung des Radioaktiven Präparats, des Geigerzählers und des tödlichen Nervengifts ja ganz umsonst.

Wir halten fest: Die Zeit darf nicht zu schnell vergehen. Ansonsten würde sie theoretisch kollabieren bzw. quantisieren.

Die Zeit ist also komplex und nur sehr schwer zu greifen oder zu verstehen. Um sie zu verstehen, greifen wir auf unsere Erfahrungen zurück. Und um die Zeit, die wir als Sekunden, Minuten und Stunden kennen, in Einklang mit dem Universum und unserem Sonnensystem zu bringen und zu halten, gibt es Institute, die den ganzen Tag nur damit verbringen. Eine verantwortungsvolle Aufgabe. Und Zeit ist umstritten in der Wissenschaft. Am besten schließe ich mit Antoine de Saint-Exupéry, der uns eher rät, was wir von der Zeit halten sollen.

“Es ist gut, wenn uns die verrinnende Zeit nicht als etwas erscheint, das uns verbraucht und zerstört wie die Handvoll Sand, sondern als etwas, das uns vollendet.”

— Antoine de Saint-Exupéry

*Anm.: Ich bin leider kein Wissenschaftler und es finden sich garantiert einige Ungereimtheiten in diesem Text. Über Hinweise auf Schnitzer und begründete Erklärungen freue ich mich, denn ich lerne gern dazu.

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wortkrieg, 2017.