Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft 

In der näheren Vergangenheit sind viele prägende Persönlichkeiten verstorben. Müssen wir jetzt alle den Kopf in den Sand stecken?

Man fühlt sich ab und an perspektivlos dieser Tage. 2016 und seine Vorgänger haben uns vieler heller Köpfe, vieler großer Namen beraubt. Vieler Schöpfer, Denker und Macher. Die Musikwelt trauert um Maurice White, Glenn Frey, David Bowie und viele mehr. Die Welt der Literatur um Reich-Ranicki, Eco, Kertesz und viele mehr. Und in der Politik trauern derzeit vor allem die Liberalen, aber auch ganz Deutschland um Genscher und Westerwelle, sowie auch um Schmidt. Die vollständige Liste ist viel zu lang.

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der zumindest politisch die “alte Garde” bereits in Pension war oder kurz vor dieser Stand. Bewusst Politik erlebt habe ich erstmals gegen Ende der Amtszeit Kohls. Verstanden habe ich damals aber auch noch nicht viel. Ich war einfach noch zu jung — aber neugierig. Ich konnte nicht Genschers Wirken miterleben, wie er 1989 seinen legendären Halbsatz aufsagte. Ich konnte nicht über Willy Brandts Kniefall von Warschau in der Zeitung lesen.

Bereits im Kindesalter und auch in der Schule lernt man in Geschichte und in politiknahen Fächern, was diese Menschen geleistet haben. Man lernt, dass eben diese Menschen unser Land sicher durch Zeiten geführt haben, die nicht leicht waren. Man lernt Respekt der Geschichte gegenüber. Und spricht man mit Gleichaltrigen darüber, so können sie dem auch fast nur zustimmen — sie haben ja in der Regel das gleiche gelernt. Redet man mit seinen Eltern oder Großeltern darüber, die diese Momente miterlebt haben, dann nimmt man auch deren Meinung auf. Und man erlebt diese alten Recken noch in einigen seltenen Fernsehauftritten, wie beispielsweise Altkanzler Schmidt, der mit seiner Art noch immer den gesamten Raum einnehmen konnte. Man sieht die gebündelte Lebensweisheit, kombiniert mit einer hohen Erwartungshaltung, gesteckt durch das Geleistete.

Ich schätze diese bedeutenden Persönlichkeiten und ziehe meinen Hut. Jede der Todesnachrichten hat mich getroffen.

Nach jeder dieser Nachrichten werden Rufe und Fragen laut, die immer einem gewissen Muster Folgen. Einige fragen, was jetzt nur werden soll. Andere fragen, wieso das passieren musste und wie die Welt nur ohne die Person auskommt. Und natürlich rufen auch viele, dass früher ja alles besser war.

Ob früher alles besser war? Ich weiß es nicht. Ich war nicht dabei. Was ich weiß: es war anders. Jeder Verlust ist auf seine Weise tragisch, Bedauern und Trauer sind normal.

Auch Genscher sagte in einem lesenswerten Interview mit der Süddeutschen dazu:

“Ich habe das immer für Schwärmerei gehalten. Wie oft haben Walter Scheel und ich uns anhören müssen: Ja, als der Heuss noch am Ruder war, das waren Zeiten!”

Irgendwann wird auch der letzte Zeitzeuge der Weltkriege und ihrer Grauen verstorben sein. Wer ermahnt einem dann noch Vernunft, wer erinnert dann noch an diese Zeiten, auf dass sie sich niemals wiederholen? Ich bin froh, dass ich das nicht miterleben musste. Und ich bin froh, dass es noch Menschen gibt, die eben dies Erleben mussten und davon noch immer berichten.

Ich konnte und kann dafür den Untergang und Wiederaufstieg der liberalen miterleben, die Griechenlandkrise, die Flüchtlingskrise, die Probleme der EU, die Probleme der heutigen Parteienlandschaft.

Darum: Verneigen wir uns vor dem Lebenswerk dieser Personen. Und wenn wir damit fertig sind, dann heben wir den Kopf wieder — und nach vorn sehen. An der Vergangenheit können wir nichts ändern. An der Gegenwart, vor allem aber an der Zukunft schon. Das wird unsere Zukunft sein. Unsere Zeit. Und wir haben einen unschätzbaren Vorteil: Wir haben die Vergangenheit auf unserer Seite. Wir können und müssen innehalten und zurückblicken. Auf Ereignisse, Taten und Personen. Daraus lernen.

Ich bin fest davon überzeugt und voller Hoffnung, eines Tages einmal mit meinen Enkelkindern darüber reden zu können, dass damals, zu meiner Zeit, alles besser war. Dass erstaunliches geleistet wurde, trotz aller Widrigkeiten.

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wortkrieg, 2017.